Zwanghafte Persönlichkeitsstörung (OCPD): Der Kampf mit der Spülmaschine

Oder: Der kleine Rebell und das Steakbesteck

Ich und meine OCPD stehen vor der Spülmaschine. Einräumen. Da hat mein Hirn die Idee, eine kleine, ganz harmlose ACTige Flexibilitätsübung daraus zu machen: Heute mal anders, weniger „optimal“.

Kleine Schritte! Also fokussiere ich aufs Steakbesteck. Zweimal Messer und Gabel. 

Die landen in der Küchenschublade in einem Extra-Fach und nicht in unserem allgemeinen, eklektischen Gabel- oder Messer-Mix. Damit sind sie „optimal“ zugreifbar, wenn wir sie mal brauchen. Macht Sinn, nicht wahr? 
Und damit der ganze Prozess beim Ausräumen der Spülmaschine auch „optimal effizient“ ist, bekommen die vier Teile natürlich(!) auch ein extra Fach im Besteckkorb. So dass ich auch nach dem Spülen nicht unnötig sortieren muss. Macht Sinn, nicht wahr?!?

Heute also mal anders: Ich verteile die vier Teile über den Besteckkorb. 

Nein!!! Das geht nicht! Gar nicht! Das ist doch doof! Das ist unpraktisch. Das ist nicht effizient! Es macht doch Sinn, sie gleich extra zu sortieren! Links vorne. Das ist doch viel besser – und das macht so viel Sinn! Ist doch so, oder? Alles in mir sträubt sich gegen diese Suboptimalität, es bereitet regelrecht körperliche Schmerzen. Ich zögere, kapituliere und packe alle vier Teile in ihr „optimales“ Fach. Uff. 

Erleichterung? Nicht wirklich, denn gleichzeitig stört es mich sehr, dass ich selbst diese einfache Übung nicht hinbekomme. Ich wollte doch! Also nochmal auf ein Neues: Verteilen. Nein, doch nicht. Ich fliege noch 2-3 Runden in gleicher Art, mit gleichem inneren Dialog. 
Und wieder sind alle vier Teile links vorne im Fach. Macht doch Sinn, nicht wahr?

Ich starre den Besteckkorb an.
Was ist mir wichtig? – Therapeutischer Fortschritt. 
Wie möchte ich mich verhalten? – ACTig.
Wie würde ich jetzt handeln, wenn mich diese Gedanken und Gefühle nicht bestimmen würden? –  Na, die Übung machen und das Steakbesteck verteilen.

Da entdecke ich meinen inneren kleinen Rebellen, der meinem inneren Diktator verschmitzt die Stirn bietet (und den Mittelfinger zeigt…): Freiheit!
Mit spitzen Fingern lässt er mich eine Steakgabel greifen und tapfer in ein beliebiges Fach setzen. Mit der anderen Hand lässt er mich eine Sekunde später schwungvoll die Tür der Spülmaschine zumachen. Ende! Ich lasse mich doch nicht von einem Steakbesteck in die Knie zwingen!

Stolz wie Bolle grinse ich bis hinter beide Ohren. 

Der kleine Rebell und das Steakbesteck.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Banalität, ein beeindruckendes Erlebnis. Der Erfolg macht Appetit auf mehr. 
Und mein hilfreicher kleiner Rebell hat einen Ehrenplatz bei der Arbeit mit meinem inneren Diktator erhalten.

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