Die Krähe im Wohnzimmer

Heute Nacht ist sie wieder da.

Eine Krähe fliegt in mein Haus. Erst durch das Küchenfenster, dann durchs Schlafzimmer, später durch die kleine Dachluke. Immer wieder kommt sie. Schwarz, groß, laut. Ich scheuche sie hinaus, doch sie findet stets einen neuen Weg zurück.

Es fühlt sich an wie ein Albtraum – oder vielleicht doch keiner?

Am Morgen denke ich an sie.
 Was, wenn die Krähe gar nicht mein Feind ist?
 Was, wenn sie mein Monster ist – meine dunklen Gedanken, meine Gefühle, meine Sorgen –, die immer wieder durch irgendwelche Fenster hereinkommen, egal wie sehr ich sie hinausdränge?

Und was, wenn ich sie einfach da sein lasse?
 Sie auf dem Schrank sitzen lasse, schwarz und krächzend. Vielleicht begleitet sie mich sogar. Vielleicht erzählt sie mir etwas. Vielleicht wird sie leiser, wenn ich aufhöre, sie hinauszuschicken.

Ich schaue die Krähe nochmal an, mit anderen Augen. Ich sehe ihr tiefschwarzes Gefieder, das im Traum im Licht glänzt.
 Ich nehme ihre wache Präsenz wahr, kraftvoll und eigenwillig.
 Vielleicht ist sie gar nicht gekommen, um mir Angst zu machen.

In der ACT heißt es:

Die Monster im eigenen Haus lassen sich nicht vertreiben.
Aber wir können lernen, mit ihnen zu leben – und trotzdem unser Leben zu gestalten.

Also: ein Kaffee. Und die Krähe darf dabei sein.

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