Seinlassen

Los-Lassen… ?! Ich habe lange versucht, das zu können. Wenn ich etwas loslasse, will ich, dass es verschwindet: ein Gedanke, ein Schmerz, eine Erinnerung. Ich gebe sie frei, in der Hoffnung, dass sie nicht mehr zurückkehren. Dass ich dann endlich leben kann, dass es dann endlich los geht mit der Freiheit, dass ich dann endlich tun kann, was mir wichtig ist. Aber die Gedanken sind hartnäckig. Sie kommen wieder – möglicherweise anders, aber sie kommen. Je mehr ich gegen sie kämpfe, desto rebellischer, lauter, aufdringlicher werden sie.

Foto: © privat

In unserer Welt ist Loslassen fast zu einem Ideal geworden.
Wir sollen loslassen, was uns belastet. Loslassen, was nicht mehr zu uns gehört. Loslassen, um Platz zu schaffen für Neues.

Und ich frage mich: Ist das eigentlich sinnvoll – dieses Loslassen? Bei ACT geht es nicht darum, etwas wegzulassen – sondern etwas sein zu lassen.

Seinlassen ist etwas anderes.
Es heißt: Ich lasse es da.
Ich lasse den Schmerz da sein, den Gedanken, das Gefühl.
Ich lasse es einfach sein, ohne zu kämpfen, ohne zu fliehen.
Ich muss nichts verändern – nicht loswerden, nicht bearbeiten.
Ich darf einfach da sein, mit dem, was ist.

Und je länger ich über das Wort lassen nachdenke, desto mehr entdecke ich seine leisen Geschwister: verlassen, belassen, ablassen, anlassen. In jedem steckt ein kleines Stück Freiheit – aber das Seinlassen ist das stillste von allen. Vielleicht ist das der Kern von Akzeptanz: nicht der Triumph des Loslassens, sondern die Demut des Seinlassens. Ein Einverständnis mit dem Moment.

Und manchmal, wenn ich etwas wirklich sein lasse, löst es sich ganz von selbst – nicht, weil ich es wollte, sondern weil ich aufgehört habe, es festzuhalten. ABER: Das ist nur eine Option, eine Möglichkeit. Es kann sein, dass der Schmerz bleibt, vielleicht wird er sogar stärker. Dann nehme ich ihn mit – UND kann frei sein, lebendig, voller Energie.

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