Die junge Frau setzt sich. Sie hat um den Termin gebeten und zögert nicht, ihr Anliegen direkt zu formulieren.
Wir kennen uns schon ein paar Jahre, arbeiten gut zusammen und haben schon viel geschafft. Am Anfang wäre sie unsicherer gewesen, dies hat sie in unserem Kontakt komplett abgelegt.
Ich merke, wie mich das freut.
Es geht um ihren Partner. Er hat eine Grenze überschritten, die bereits kommuniziert war. Nichts Großes, aber es hat sie verletzt.
Ich kann es nachvollziehen und sage ihr das auch.
Wir sprechen nicht über seine Motivation, es spielt keine Rolle. Wir konzentrieren uns stattdessen darauf, was sie tun kann.

Wir erarbeiten die Werte, die für sie jetzt wichtig sind: Schutz, Selbstfürsorge, Selbstbehauptung. Nehmen wir! Dazu Verbindung, Harmonie, auch sehr wichtig. Großzügigkeit? Nachsicht. Nicht-auf-Kleinigkeiten-beharren.
Wir finden keine elegantere Formulierung, dann halt so.
Ich vermute, dass das Bedürfnis nach sprachlicher Präzision auch mehr auf meiner Seite ist.
Die Liste füllt sich schnell, die junge Frau hat keine Schwierigkeiten dabei, sie kennt das Procedere. Jetzt die Handlungsoptionen ableiten, Vor- und Nachteile identifizieren.
Und dann? Abwägen.
Ich gebe ihr die Verantwortung, zu entscheiden. Ihr Partner, ihre Werte, ihr Leben.
Ich bin zufrieden, runde Sache!
Doch es kommt anders, als ich erwartet hatte: Die junge Frau sinkt in sich zusammen, den Blick zur Seite. Auf ihrem Gesicht zeigt sich Resignation, sie seufzt tief.
Ich bin irritiert, schaue fragend und warte.
Schließlich sagt sie: „Wissen Sie, ich musste in meinem Leben noch nie so viele Entscheidungen treffen, wie seit ich bei Ihnen in Therapie bin.“
Ich muss lachen, es lockert die Stimmung.
Ihre Rückmeldung macht etwas mit mir.
Ich entscheide, es für den Moment zu belassen und wir bringen die Sitzung zum Ende. Die junge Frau entscheidet sich und verlässt entschlossen die Sitzung. Sie hat einen Plan.
Auf dem Weg nach Hause nach der Arbeit denke ich über die Situation nach. Ich entschließe mich schließlich, ihre Rückmeldung als Kompliment zu nehmen. Letztendlich ist es das, was ich möchte: Emanzipieren, Verantwortungsübernahme steigern, Bewusstsein für Werte stärken, Handlungsfähigkeit bei Flexibilität gegenüber dem inneren Erleben.
Am Abend erzähle ich die Situation meiner Frau, während wir das Essen vorbereiten. Eine kleine, harmlose Anekdote zum gemeinsamen Schmunzeln. Sie reagiert wie ich, lacht.
Dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Die gleiche Resignation, das gleiche Seufzen. Sie sagt: „Das kann ich sehr gut nachvollziehen.“
