
Da sind sie mal wieder, die alten Muster und Monster, mit voller Wucht.
Das Widerstandsmonster scheint übermächtig und hat das Depri-Monster im Schlepptau. Oder andersrum.
Nichts scheint zu gehen, alles scheint zäh und schwer. Gerichtetes Denken und mentale Aufgaben, kleinste Arbeiten, Bewegen und Sport, Sozialkontakte etc – alles ist „zu viel“. „Jetzt nicht, später dann.“ Ich bin viel auf der Flucht, vorwiegend Medien und Essen, etwas Bett. Ich ziehe mich sehr zurück, verstecke mich. Ich sehe die Fallen, und gleichzeitig „funktionieren“ Akzeptanz, Defusion, Selbst-als-Kontext nicht, Werte-Verhalten bleibt auf der Strecke. „Morgen dann aber wirklich“ – den Text kenne ich nur zu gut. Auch die ACT-Gretchenfrage „Ist das jetzt wirklich hilfreich für mich und in der Sache, wenn ich mich so verhalte?“ hilft mir nicht. Ich weiß, dass die Antwort „Nein!“ lautet, und dennoch bleibe ich auf diesem Pfad.
Vielleicht das Schlimmste für mich dabei: „Mein ACT“ klappt nicht. Das schmerzt zusätzlich und frustriert!
Also kommt auch noch der innere Kritiker dazu: „Wieso kannst du das mit ACT nicht besser? Jetzt machst du das schon so lange. Das bekommst du also auch nicht hin!“ …
Kampf- und Kontrollversuche meines inneren Erlebens nehmen zu, erfolglos natürlich. Die Denkkreise werden immer enger, düster und laut. Alles wird von den Monstern bestimmt. „Theoretisch“ weiß ich, dass auch hier Akzeptanz meiner aktuellen Unfähigkeit hilfreich wäre, aber ich bekomme nicht die Kurve. Und weiter geht es mit: „Auch das bekommst du nicht hin.“
Es geht mir immer schlechter. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung machen sich breit. Aus viel Aufschieben wird permanente Flucht, wuchernde Passivität und umfassender sozialer Rückzug, während gleichzeitig der Kritiker in meinem Kopf krakeelt und der Drill-Sergeant schreit, dass ich mich nicht so anstellen soll.
Ja, da sind sie mal wieder, die alten Muster, mit voller Wucht.
Irgendwie sogar noch schlimmer, weil der Kritiker und der Drill-Sergeant so viel lauter sind, denn „ich sollte es ja besser können“.
Danke Hirn.
Schließlich bekomme ich ein kleines Stück Luft dazwischen: Ein ACTiges Hörbuch zum Thema Innerer Kritiker und Selbst-Mitgefühl bricht überraschend meine mentale Verhärtung etwas auf und erzeugt eine Art Hoffnung. Spannend.
Ein zuvor erbetener Sonder-Termin bei meinem Therapeuten hilft mir weiter aufs Defusions-Gleis. Der therapeutische Austausch mit ihm ist wohltuend, anstrengend und inspirierend.
Ebenso erfahre ich Stärkung und Kurskorrekturen im SHG-Treffen bald danach. Auch bin ich stolz auf mich und freue mich etwas, dass ich es in diesem Zustand überhaupt dort hin geschafft habe.
Und jenes kleine Stück Luft erlaubt mir ein bisschen mehr Aktivität. Und diese kleinen Aktivitäten schaffen mir wiederum ein bisschen mehr Luft – bis die Monster wieder randalieren.
Wieder mit voller Wucht? Nicht ganz, sie sind nun irgendwie leiser, mit mehr Abstand, im Hintergrund. Zumindest aktuell.
In einem OCD-Podcast stolpere ich über das Konzept der Irrelevanz. Wow, das gefällt mir! Ich passe es für meine Bedürfnisse an: „Ist das, was mir mein Hirn gerade hin hält an Gedanken und Gefühlen relevant für das, was ich – gerade eben und auch langfristig – wirklich „eigentlich“ tun möchte?“ Für mich eine spannende, neue Gretchenfrage zum Ausprobieren! Ich beobachte, wie schön das bei mir gerade funktioniert, denn die wunderbar einfache, eindeutige Antwort auf diese Frage lautet praktisch immer: „Nein. Nur wenn ich es dazu mache.“
Fasziniert, dass es solch einen Unterschied zur Hilfreich-Frage für mich macht, erfreue ich mich an der dadurch gewonnenen inneren Freiheit, die mir weitere kleine Erfolge ermöglicht. Diese Relevanz-Perspektive entwickelt sich zu einem sehr hilfreichen und mächtigen Werkzeug für mich. Also ab damit in mein Repertoire!
Wie war das nochmal mit dem Commitment in ACT? Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Alles selbstfreundlich!
Ich liebe das. Straucheln ist eingepreist. „Scheitern“ ist eine Gelegenheit zum weiteren Lernen und Üben. Auch wenn die Monster hinten im Bus Party feiern.
